Donnerstag, 4. Juni

Gschicht vom Tag

Buddleia
(Geschichte als PDF)
Die Buddleia – im Winter kräftig zurückgestutzt – hat mächtig ausgeschlagen. Jedes Jahr scheint sie noch üppiger und mit verdoppeltem Lebenswillen zu spriessen. Jetzt im Hochsommer ist sie wieder ein mächtiger Strauch, fast schon ein Baum, nicht nur machtvoll in die Höhe, sondern auch in die Breite gewachsen. Sie strotzt vor Üppigkeit und Lebensfreude. Aus dem sattgrünen Laub leuchten unzählige violette Rispen, violette Blütenfinger, bittend und dankend der nährenden, lebensspendenden Sonne entgegen. Manche Rispen haben sich auch geneigt, weil der Zweig, der sie trägt, unter der Blütenfülle ein wenig nachgegeben hat. Der Strauch müsste eigentlich stöhnen unter dieser Blütenlast, aber wenn er es tut, dann wird es ein lustvolles, sommertrunkenes Stöhnen sein, denke ich.

 

Und um die Buddleia gaukeln unzählige Schmetterlinge. Sie sind ebensowenig zu zählen wie die leuchtenden violetten Blüten. Das ist das süsse Geheimnis der Buddleia: keine andere Blume zieht Schmetterlinge so unwiderstehlich in ihren Bann wie sie. Fuchs und Admiral sind da – selten gewordene Schmetterlinge in unserer Agrarwelt der Chemie und scheinbar gewinnträchtigen Monokultur – nicht umsonst achten wir sorgsam darauf, dass die Wiesen um unser Haus Magerwiesen bleiben und die Hecken Hecken sein dürfen, damit viele gefährdete Kleinlebewesen Unterschlupf finden können.

Auch bescheidene Bläulinge und Weisslinge und Zitronenfalter haben sich eingestellt. Aber der prachtvolle Fuchs und der buntschillernde Admiral sind weit in der Überzahl. Wie in einem Kaleidoskop sieht das aus, dieses Auf und Ab und Hin und Her der bunten Schmetterlinge am Buddleia-Strauch. Sie scheinen ein uraltes Ritual oder Fest zu feiern und vielleicht erzählen sich Buddleia-Blüten und Schmetterlinge auch uralte Wahrheiten und Weisheiten und Sagen aus fernen Zeiten, als die Natur noch im Gleichgewicht war.

 

Neben dem Buddleia-Strauch steht mein Mann an der Staffelei und malt. Und im Schatten der Buddleia sitzt unsere kleine Tochter Barbara, angetan mit Sonnenhütchen und kurzen Spielhöschen, die kleinen, nackten Ärmchen und Beinchen braungebrannt und mit Babygrübchen an den Ellenbogen. Sie ist in dem abenteuerlichsten Alter, wo man ganze Wohnungen umorganisieren muss: kostbare Bücher und Schallplatten in obere, nicht erreichbare Regale räumen, Treppenabgänge und Steckdosen sichern, alles Zerbrechliche ausser Reichweite bringen. Aber Erfindungsgabe und Forscherdrang einer neugierigen, aufgeweckten Einjährigen haben manchmal ungeahnte Reichweiten… Jetzt aber sitzt sie friedlich unter der Buddleia, spielt versunken mit Klötzchen und Steinchen und erkundet das unerhörte Material Erde. Ein verirrter Schmetterling setzt sich mir auf den Arm, klappt die Flügel auf und zu, richtig kokett, als wolle er mich auf das wunderschöne Farbenspiel seiner Flügel hinweisen. Dann bleibt er sitzen mit ausgebreiteten Flügeln, die Berührung ist unendlich zart. Und auch ich bleibe ganz still sitzen, um ihn nicht zu verscheuchen.

Eigentlich bin ich dran, Post zu erledigen, aber mit einem Schmetterling auf dem Arm kann ich nicht schreiben! Dann fliegt er taumelnd fort in scheinbar ziellosem Flug – und kommt zurück. Ich muss lachen: ob er mich wirklich mit der Buddleia verwechselt?

Schliesslich fliegt er endgültig davon. Ich schaue ihm gedankenverloren nach und dann überflutet mich eine heisse Welle: nach wunderlichem Zickzackflug setzt sich <mein> Schmetterling meinem Mann auf die Schulter! Und wieder klappt er auf die gleiche Art die Flügel auf und zu. Ob er uns etwas sagen will? Fast habe ich jetzt den Eindruck, dass er uns dringlich etwas sagen will. Ich habe auch plötzlich das Gefühl, neben mich zu treten und ein scharf umrissenes, gestochen präzises Bild wie in einem Rahmen zu sehen: die mächtige, überreich blühende Buddleia, umtanzt und umschwärmt von unzähligen Schmetterlingen und Faltern und neben und unter der Buddleia meine beiden mir nächsten, liebsten Menschen. Das Bild brennt sich mir ein wie ein Brandzeichen. Und ich denke: wenn Glück zu fassen, zu beschreiben, zu erkennen ist, dann muss dies Glück sein, dieser Augenblick, diese Stunde an diesem sonnendurchfluteten Nachmittag.

Und dann stockt mir wirklich der Atem: sachte löst sich der Schmetterling von der Schulter meines Mannes und schwebt in direktem Flug nieder zu unserer kleinen Tochter. Er setzt sich auf ihr kleines Händchen mit ausgebreiteten Flügeln, ganz still… Und auch das Kind sitzt ganz still und schaut gebannt auf das zarte Wunder, das sich auf seiner kleinen Hand niedergelassen hat. Ein kleiner, glucksender Entzückungslaut perlt in die Luft. Aber das Kind sitzt noch immer ganz still und schaut mit grossen Augen auf das Unbegreifliche auf seiner Hand. Es macht keine Anstalten, nach dem Schmetterling zu greifen, wie es das sonst bei allem tut.

 

Kind, liebes Kind, versuch nicht, nach dem Glück zu greifen. Du kannst es nicht fassen. Und festhalten schon gar nicht. Es wird nur Staub auf Deinen Fingern zurückbleiben und der Schmetterling wird verwundert sterben. Lass es frei fliegen, wenn es sich lange genug auf Dir ausgeruht hat, es wird zurückkommen, an einem strahlenden Sommertag wie heute, an einem frostklirrenden Wintertag, an einem stürmischen Herbsttag, an einem vielversprechenden Frühlingstag, zu jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde wird es unverhofft wieder zu Dir kommen. Lass es frei und unverletzt fliegen, woanders hin, wo es gebraucht wird, ich weiss, es wird immer wieder hieher zurückkehren. Es hat uns heute alle Drei berührt.

 

Ursula Piatti. In: Regenbogen im Gepäck, Midena Verlag, Rombach-Aarau