Karsamstag, 11. April

Gschicht vom Tag

Der Traum der Raupe vom Fliegen

Es war einmal eine garstige, grüne Raupe, die den ganzen Tag damit verbrachte, alle Blätter zu fressen, die sie erreichen konnte. Eine Schnecke kroch hinzu und ärgerte sich: «Du unverschämter dicker Fettwanst, gibt es nicht genug Blätter! Musst du jetzt auch noch von dem nagen, an dem ich gestern angefangen habe?» Die Raupe gab frech zur Antwort: «Das war gestern. Heute bin ich zuerst hier. Wer zuerst kommt, frisst zuerst.»

«Unverschämt, ich sage der Amsel Bescheid, dass sie dich holen soll; die hat fünf hungrige Kinder im Nest!», schimpfte die Schnecke und rutschte böse weiter.

 

Bald danach kam ein Marienkäfer vorbei. «Igitt, bist du hässlich», schüttelte er sich. Sieh mal meine hübschen roten Flügel an!» «Ein bisschen Bescheidenheit täte dir auch gut», gab die Raupe zurück, «aber du bist wirklich schön. Manchmal träume ich davon, nicht mehr diesen wahnsinnigen Hunger zu haben. Dann wünschte ich mir: Könnte ich doch fliegen und bräuchte nicht mehr mühsam über Blätter, Stängel und Wege zu kriechen.» «Träume sind wie Seifenblasen, die zerplatzen», lächelte der Marienkäfer und flog davon. Traurig blickte ihm die Raupe nach.

 

Auf einmal flatterte ein wunderschöner Schmetterling heran, setzte sich auf eine Blüte dicht neben die Raupe und fragte: «Warum bist du so traurig? Bemerkst du nicht den Sonnenschein und die schönen Blüten um dich herum?»

«Ach», seufzte die Raupe, «danke, dass du so freundlich mit mir sprichst, aber ich habe immer so grossen Hunger, dass ich nicht anders kann als fressen.»

Da klappte der Schmetterling seine schönen Flügel auf und zu und flüsterte: «Verlass dich auf die Sonne. Einmal werden dir auch Flügel wachsen und deine Stummelfüsse fallen ab. Du musst nur geduldig warten und darfst nicht den Mut verlieren.» Die Raupe hörte dem Schmetterling zu und wurde so müde, dass sie gerade noch «danke» sagen konnte. Dann spann sie langsam einige Fäden um sich und schlief ein. Ihr letzter Gedanke war: «Ob meine Träume wohl wahr werden, dass ich einmal fliegen kann, und alles wird viel schöner und leichter?»

 

Als sie wieder erwachte, war sie ein wunderschöner Schmetterling geworden.

 

Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 6, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz