Mittwoch, 10. Juni

Gschicht vom Tag

Warum die Eule grosse Augen hat

Märchen aus Australien

 

Die Eule Weemullee und der Wind Willanjee waren Freunde. Sie jagten, kochten und assen zusammen und wohnten am gleichen Schlafplatz. Sie sprachen und spielten oft zusammen und hatten es schön miteinander. Nur etwas trübte ihre Freundschaft: Die Eule konnte ihren Freund, den Wind, nicht sehen. Sie sah nur, wie Feuerholz von unsichtbaren Händen aufgeschichtet wurde, wie Fleischstückchen vom Teller hochschwebten und dann verschwanden, wie Bumerangs und Speere in die Luft flogen und wie die Schlafmatte sich am Abend aufrollte und am Morgen wieder zusammenrollte. Die Eule schaute ständig nach Willanjees Tun und Reden, bekam ihn aber nie zu Gesicht. Davon wurden ihre Augen immer grösser.

Eines Abends hatte die Eule eine Idee, wie sie vielleicht doch noch den Wind erkennen könnte. Sie wartete, bis er sich in seine Decken eingehüllt hatte und schnarchte. Dann schlich sie leise zu seinem Lager und hob vorsichtig ein Zipfelchen seiner Decke hoch. Da aber schoss ein heftiger Sturm heraus und trug Weemullee auf einen Baum hinauf. Der Sturm aber brauste über alle Wipfel weiter und kam nicht mehr zur Eule zurück.

Und die Eule sucht ihren Freund noch heute, macht grosse Augen und guckt jedem Winde nach.

Liedtext vom Tag

Wind kannst du nicht sehen 

1. Wind kannst du nicht sehen, ihn spürt nur das Ohr 

flüstern oder brausen wie ein mächt’ger Chor. 

 

2. Geist kannst du nicht sehen; doch hör, wie er spricht 

tief im Herzen Worte voller Trost und Licht. 

 

3. Wind kannst du nicht sehen, aber, was er tut: 

Felder wogen, Wellen wandern in der Flut. 

 

4. Geist kannst du nicht sehen; doch, wo er will sein, 

weicht die Angst und strömt die Freude mächtig ein. 

 

5. Hergesandt aus Welten, die noch niemand sah, 

kommt der Geist zu uns, und Gott ist selber da. 

 

Reformiertes Gesangbuch, Lied 516; Text: Markus Jenny 1983/1991 nach dem schwedischen «Vinden ser vi inte» von Anders Frostenson 1958/1973