Mittwoch, 15. April

Gschicht vom Tag

 Freunde

«Wohin willst du?» fragte der Vater. Benjamin hielt die Türklinke fest. «Raus», sagte er. «Wohin raus?» fragte der Vater. «Nur so», sagte Benjamin. «Um es klar auszusprechen», sagte der Vater, «ich will nicht, dass du mit diesem Josef rumziehst!» «Warum?» fragte Benjamin. «Weil er nicht gut für dich ist», sagte der Vater. Benjamin sah den Vater an.

 

«Du weisst doch selbst, dass dieser Josef ein … sagen wir ein geistig zurückgebliebenes Kind ist», sagte der Vater. «Der Josef ist aber in Ordnung», sagte Benjamin. «Man sollte von jedem, mit dem man umgeht, etwas lernen können», sagte der Vater. Benjamin liess die Türklinke los.

 

«Ich lerne von ihm, Schiffchen aus Papier zu falten», sagte er. «Das konntest du mit vier Jahren schon», sagte der Vater. «Ich hatte es aber wieder vergessen», sagte Benjamin. «Und sonst?» fragte der Vater. «Was macht ihr sonst?» «Wir laufen rum», sagte Benjamin. «Sehen uns alles an und so. «Kannst du das nicht auch mit einem anderen Kind zusammen tun?»

 

«Doch», sagte Benjamin. «Aber der Josef sieht mehr», sagte er dann. «Was?» fragte der Vater. «Was sieht der Josef?» «So Zeugs», sagte Benjamin. «Blätter und so. Steine. Ganz tolle. Und er weiss, wo Katzen sind. Und sie kommen, wenn er ruft.» «Hm», sagte der Vater. «Pass mal auf», sagte er. «Es ist im Leben wichtig, dass man sich immer nach oben orientiert.»

 

«Was heisst das», fragte Benjamin, «sich nach oben orientieren?» «Das heisst, dass man sich Freunde aussuchen soll, zu denen man aufblicken kann. Freunde, von denen man etwas lernen kann. Weil sie vielleicht ein bisschen klüger sind als man selbst.»

 

Benjamin blieb lange still. «Aber», sagte er endlich, «wenn du meinst, dass der Josef dümmer ist als ich, dann ist es doch gut für Josef, dass er mich hat, nicht wahr?»

 

Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 4, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz

 

Tipp vom Tag

Bastle einen Papierflieger