Mittwoch, 22. April

Gschicht vom Tag

Die zwei Gärten

Ein Mann kam in ein Dorf, in dem, wie überall erzählt wurde, wunderschöne Gärten waren, grosse und kleine, vornehme und einfache. Der Mann, mit seinem eigenen Garten nicht mehr zufrieden, wollte sich in diesen Gärten einmal umsehen. Vielleicht, so dachte er, kann ich dieses und jenes dann in meinem Garten verändern.

 

Am Eingang des Dorfes sass ein sehr alter Mann, der verständig und weise aussah. Ihn fragte er, wie er es anstellen müsse, einen der Gärten zu besehen, um derentwillen das Dorf so berühmt sei. Der alte Mann winkte einen seiner Söhne herbei, und dieser führte ihn in einen grossen Garten.

 

«Die Gartenpforte muss erneuert werden», sagte der Sohn, als sie den Garten betraten, und zeigte auf einige unschöne, schadhafte Stellen. «Und die Wege sind reichlich ausgetreten und müssten eingeebnet werden.» Vor einem Rosenstrauch blieb er nachdenklich stehen: «Seht Ihr die Blattläuse? Er wird kaum überleben. Und das Gewächs dort hinten an der Mauer, es wird wohl auch eingehen. Die Wurzeln sind befallen und nehmen das Wasser nicht mehr auf. Wir können giessen, so viel wir wollen, es hilft nicht mehr.» Der Sohn zeigte ihm noch manches, was nicht in Ordnung war. Es schien ein kranker Garten zu sein, und der Mann überlegte, warum man ihn gerade in diesen Garten geführt hatte. Enttäuscht berichtete er dem Alten vom schlechten Zustand des Gartens und fragte ihn, ob er nicht einen anderen sehen könnte. Der weise Alte winkte einen anderen seiner Söhne herbei. Dieser führte den Mann in einen Garten, der ihm wohl gefiel.

 

«Seht hier, diese Kletterrose», sagte der Sohn und zeigte auf den Bogen über der Gartenpforte. «Sie blüht das ganze Jahr. Es gibt keine andere Kletterrose im ganzen Dorf, die so viele Blüten treibt. Und dort, der Mandarinenbaum. Er trägt die süssesten Früchte.» Er gab dem Mann eine reife Frucht von köstlichem Aroma, die ihm wohl schmeckte. «Dieses Beet haben wir neu angelegt. Vor einigen Tagen haben wir Samen in die Erde getan. Es werden Blumen wachsen, grosse, weisse, mit starkem Duft, ähnlich wie die blauen dort an der Mauer. Die ersten Sprossen kommen schon. Seht Ihr sie? Und dort ist unser Brunnen. Schaut nur, wie tief er ist. Noch nie hat es uns an Wasser gefehlt.» So führte dieser Sohn den Mann durch den Garten und zeigte ihm all seine Schönheiten. Begeistert berichtete der Mann dem Alten von allem, was er in diesem Garten gesehen hatte, und er bedankte sich.

 

Der Weise lächelte nur und fragte: «Habt Ihr nicht gemerkt, dass Ihr in ein und demselben Garten gewesen seid?»

 

Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 6, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz