Mittwoch, 25. März

Gschicht vom Tag

Das goldene Fenster

 Es war einmal ein kleiner Junge, der lebte in einer Hütte auf einem grünen Hügel. Er war glücklich. Und doch fehlte ihm etwas zu seinem Glück, denn es gab etwas, das er sich mehr als alles auf der Welt wünschte. Jeden Tag gegen Abend, wenn die Sonne allmählich sank, sass er auf der Schwelle, stützte sein Kinn in die Hand und starrte über das weite Tal hinüber zu einem Haus, das goldene Fenster hatte. Wie Diamanten leuchteten sie. Es war ein wunderbarer Anblick, er konnte sich nicht sattsehen. Sein sehnlichster Wunsch war es, dass er einmal in einem solch schönen Haus wohnen könnte.

Tag für Tag, Jahr für Jahr faszinierte ihn das Haus mit den goldenen Fenstern. Als er schliesslich alt genug war beschloss er, das Haus seiner Träume kennenzulernen.

An einem Nachmittag im Sommer machte er sich auf den Weg. Er brauchte länger, als er gedacht hatte, und als er schliesslich ankam, war die Sonne bereits untergegangen. Er erlebte eine schreckliche Enttäuschung. Das Haus hatte gar keine goldenen Fenster, ja, es war nichts anderes als eine einfache Hütte mit ganz gewöhnlichen Fenstern. In der Hütte lebten eine Frau und ein Mann und da es schon zu spät für den Rückweg war konnte er bei ihnen über Nacht bleiben.

Wie gross war seine Überraschung, als er am frühen Morgen erwachte und aus dem Fenster schaute. Fern über dem Tal stand ein anderes Haus mit goldenen Fenstern, jedes einzelne Fenster blickte und blitzte so herrlich, wie er es zuvor noch nie gesehen hatte. Voller Erwartung lief er darauf zu. Da erkannte er: Es waren die Fenster des Hauses, in dem er wohnte.

 

Aus «Geschichten wie Wegweiser» von Willi Hoffsümmer