Mittwoch, 3. Juni

Gschicht vom Tag

Weisheit der Indianer

Ein Amerikaner stiess im Herzen Mexikos auf einen Indiostamm, der weit und breit für seine Bastflechterei berühmt war. Dieser Amerikaner war entzückt von den Bastkörben und kaufte ein, was immer man ihm überliess. Er wunderte sich aber, warum die Indios ihm nicht alles überlassen wollten. Schliesslich verhandelte er mit dem Häuptling selbst und fragte ihn, wie hoch denn der Preis von 50 Bastkörben sei. Der bat den Fremden um Geduld, berief ein Dorfpalaver ein – und präsentierte dem Amerikaner am folgenden Tag die Antwort: «Meine Leute sind bereit, dir 50 Körbe zu flechten. Der Preis pro Stück ist 5 Pesos!» «Das ist viel, mein guter Häuptling; aber nun möchte ich nicht 50, sondern im Ganzen 200 Körbe haben; bis wann könntet ihr mir diese flechten?»

Wiederum verschob der Häuptling die Antwort auf den nächsten Tag und holte sich Rat bei den Ältesten des Dorfes. Bis in die Nacht hinein hörte man sie in der grossen Hütte des Dorfes reden. Anderen Tags kam der alte Mann wieder zu dem Amerikaner: «Du bist in einem guten Mond zu uns gekommen. Das Dorf ist bereit, dir auch 200 Körbe zu flechten. Der Preis für jeden Korb beträgt 7 Pesos.» Der Amerikaner schaute erstaunt, fragte aber weiter, ob er auch 500 Körbe bestellen könnte. «Nun», erwiderte der Häuptling, «so viele Körbe wollen wir eigentlich gar nicht flechten. Aber wenn wir es täten, so wäre der Preis pro Stück 9 Pesos.»

Da ging dem Amerikaner der Hut hoch! Und er versuchte dem Häuptling klarzumachen, dass all dies Unsinn sei. Denn bei der Abnahme von vielen Körben müsse der Preis selbstverständlich niedriger werden als bei einzelnen Stücken.

Da sprach der Indianer gelassen und mit unendlicher Würde: «So denken die Weissen in ihrem Wahn. Wir aber sind anders. Siehst du, Bleichgesicht, würden wir so viele Körbe flechten, dann hätten wir keine Zeit mehr, an der Sonne zu sitzen. Und wer wird die Blumen am alten Tempel pflegen? Wir können dann nicht mehr bei Sonnenuntergang an den Ufern des Mazatlan spazieren gehen oder in den Rindenbooten über das Wasser gleiten. Und auch die Geschichten, die wir uns am Abend in den Hütten erzählen, müssten viel kürzer werden.»

Mit einer weiten Handbewegung liess er den Amerikaner über das Tal hinblicken, den Urwald und den grünen Fluss mit den tiefbehangenen Ufern. Und dann sprach er: «Wenn wir schon auf so viel Schönes in unserem Tal verzichten wollen, bloss um zu arbeiten, dann muss die Entschädigung dafür natürlich auch entsprechend sein. Und darum werden die Preise für unsere Körbe auch immer höher, je mehr wir davon flechten.»

Da verzichtete der Amerikaner auf den Handel.

 

Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 6, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz