Montag, 25. Mai

Gschicht vom Tag

Regenbogen im Gepäck
(Geschichte als PDF)

Nach einem gemeinsam besuchten Seminar fragt mich eine junge Frau, ob sie wohl noch ein Stück Weg mit mir gehen könne, sie möchte jetzt nicht allein sein und sie möchte auch nicht gleich nach Hause. Ihr Heimweg führt in eine andere Richtung, aber das macht nichts, sagt sie. Ich kenne sie kaum, das heisst, ich hab sie erst in den vergangenen zwei Tagen kennengelernt, aber da waren ja auch noch zwölf oder fünfzehn andere. Ihr klares Gesicht mit dem entwaffnenden Lächeln ist mir allerdings gleich zu Beginn aufgefallen und auch die seltsame Mischung von Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit und gleichzeitig nicht greifbarer Bestimmtheit und Sicherheit, die von ihr ausgeht. Ganz so jung ist sie ja eigentlich gar nicht, Mitte Dreissig, aber irgendwie wirkt sie kindlich-unverdorben: ein erwachsener Mensch, der es fertiggebracht hat, Kind zu bleiben, mit kindlicher Unvoreingenommenheit an Wunder und Märchen zu glauben und der doch als Erwachsener mit den Tücken und Fallstricken der alltäglichen Wirklichkeit fertigwerden muss, denke ich. 

 

So gehen wir also gemeinsam durch die Strassen und sie fängt an, mir ihre Geschichte zu erzählen, eine unsägliche Geschichte voll enttäuschter Hoffnungen und Erwartungen, zertretener Gefühle, zermalmter Zärtlichkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Auflehnung, Unterwerfung und neuer Hoffnung… und am Schluss der Scherbenhaufen einer kaputten Ehe. Eine unsägliche Geschichte, aber keine neue, eigentlich banal in ihrer traurigen Alltäglichkeit. Trotzdem könnten einem die Haare zu Berge stehen bei dieser eindringlichen Erzählung. 

Einmal fragt sie mich atemlos: <hast Du sowas auch schon erlebt?> Und als ich verneine, ihr befreites Lächeln: <Siehst du> sagt sie, <das ist ein gutes Zeichen: bis jetzt habe ich immer nur Frauen gekannt, die im gleichen Morast sitzen wie ich, die durch den gleichen Dreck gewatet sind wie ich. Wenn ich jetzt anfange, Menschen kennenzulernen, die das noch nie erlebt haben, dann ist das ein Zeichen für mich, dass es von jetzt an auch mit mir aufwärts geht>. 

Ein interessanter, überlegenswerter Gedanke… 

Wir sind vor der Haustür unseres Stadtateliers angekommen, wo ich für den Tag auch mein Auto abgestellt habe, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende und so nehme ich die Frau mit hinauf ins Atelier. Wir treten hinaus auf den Balkon hoch über dem Rhein und im gleichen Augenblick ertönt in meinem Kopf ein hoher Flötenton. Und der Flötenton ist eigentlich ein Gedanke, der sagt: <Gottseidank hab ich nicht Müdigkeit oder Eile vorgeschützt, als meine Begleiterin mich fragte, ob sie noch ein Stück mit mir gehen könne, denn offenbar ist das genau der Platz, wo sie hinkommen sollte, um zu sehen, was jetzt wichtig ist für sie zu sehen und in sich aufzunehmen.> 

 

Ihre Augen weiten sich in kindlichem Staunen und gleichzeitigem Begreifen. Über der Stadt steht ein mächtiger Regenbogen, leuchtend und von majestätischer Pracht. Er umspannt wirklich die ganze Stadt vom Birskopf bis Kleinhüningen, ein Anblick, der einem fast den Atem nimmt, weil er so unvermittelt trifft. Ich habe seit Jahren keinen solchen Regenbogen gesehen. 

<Was für eine Botschaft>, sagt sie. 

Wir setzen uns auf den Balkon und sie erzählt weiter und ich höre ihr zu, eine Stunde, zwei Stunden. Ab und zu fragt sie mich, was ich in ihrer Situation täte oder in ähnlicher Lage getan hätte und ich sage es ihr. Aber ich weiss auch, dass sie meinen Rat nicht wirklich braucht, sie muss in dieser Stunde wissen, was zu tun ist. Denn der Regenbogen steht und leuchtet, als wäre er für immer dort festgeschrieben – sicher solange, bis sie fertig ist mit Erzählen, bis ihr redend die ganze Tragweite ihrer Situation klargeworden ist und sie, nun, da es ausgesprochen, weiss, welche Konsequenzen zu ziehen sind. 

 

Schwalben flitzen auf Augenhöhe an uns vorbei und über den Rhein. Die kompakte Häuserzeile des gegenüberliegenden Rheinufers ist plötzlich in gleissendes Sonnenlicht getaucht, das durch dunkle Gewitterwolken bricht, der Rhein fliesst träge und unter dieser irrwitzigen Beleuchtung seltsam glitzernd tief unten an uns vorbei und über dieser ganzen, fast theatralisch anmutenden Kulisse wölbt sich noch immer das atemraubende Naturwunder dieses unglaublichen Regenbogens. 

Wieder ist der hohe Flötenton in meinem Kopf. 

<Das ganze Spektrum>, denke ich. Das ganze Spektrum des Regenbogens ist in ihrem Leben enthalten. Sie hat es mir ja eben grad erzählt. In jedem Leben ist es enthalten. Und wir sind frei zu wählen. Den Regenbogen tragen wir alle in uns. 

Wieviel Symbolik für uns Menschen liegt in der Natur. Wir müssen nur bereit sein, sie zu sehen und anzunehmen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. 

Oh ja, ich habe keinen Zweifel, sie hat die Botschaft verstanden und angenommen, ich sehe es an ihrem Gesicht. Sie wird den Regenbogen hochklettern und ganz oben wird sie ein Weilchen sitzenbleiben und die Beine baumeln lassen und ein bisschen verschnaufen. Sie wird hinunterschauen aufs tief unter ihr liegende Land. 

Dort unten liegt auch unübersehbar der verwüstete und zertrampelte Schrebergarten der letzten vier Jahre ihres Lebens. Dann wird sie einmal tief Luft holen und in sausender Fahrt die andere Seite des Regenbogens hinunterrutschen und sich in der neuen, ihr noch unbekannten Welt wiederfinden. 

 

Zwei Tage später ruft sie an. Sie ist mit ihrem zehn Wochen alten Kind ins Frauenhaus gezogen, um hier zu sich selbst zu kommen und in Ruhe die nun nötigen Schritte zu planen und einzuleiten. 

Sie hat nur das Nötigste eingepackt für sich und das Kind, sagt sie. Aber den Regenbogen, den hat sie natürlich mitgenommen. 

 

Ursula Piatti. In: Regenbogen im Gepäck, Midena Verlag, Rombach-Aarau