Montag, 29. Juni

Gschicht vom Tag

Klein und unscheinbar 

In einem Garten wuchsen die herrlichsten Blumen, Rosen, Lilien, Rittersporne und Sonnenblumen. Alle Leute, die vorbeikamen, blieben stehen und bewunderten sie. Da wurden die Blumen eingebildet und hochnäsig, und oft stritten sie miteinander, wer die beste unter ihnen sei. Dann prahlte jede mit ihren Vorzügen, die Rose mit ihrer Schönheit, der Rittersporn mit der Farbe seiner Blüten, die Lilie mit ihrem Duft und die Sonnenblume mit ihrer Grösse. 

Hinten am Zaun wuchsen die Gänseblümchen. So waren so klein und unscheinbar, dass niemand sie beachtete. Manchmal waren sie traurig, dass alle über sie hinwegsahen. 

Eines Tages kam ein Kind in den Garten. Das wollte Blumen für seine kranke Mutter pflücken. Es dachte nämlich: «Ich will ihr eine Freude machen, dann wird sie gewiss schneller gesund.» 

Also stand es nun da und wollte eine Rose abbrechen. Aber die streckte ihm viele spitze Dornen entgegen und rief: «Was fällt dir ein? Ich will nicht in einem Krankenzimmer verwelken. Ich bin die Königin der Blumen!» «Ich will auch nicht gepflückt werden!» sagte der Rittersporn und machte seinen Stengel ganz steif. Die Sonnenblume reckte sich zu ihrer ganzen Grösse auf, da konnte das Kind sie nicht brechen. Und die Lilie stiess einen so betäubenden Duft aus, dass es erschrocken weiterlief. Da sah es die Gänseblümchen am Zaun. Und als es die fragte: «Darf ich euch pflücken?», da bogen sie ihm freundlich ihre Stengel entgegen. Und das Kind brach sie ab und trug sie der Mutter ans Bett. Die schaute sie voll Freude an. 

 

Aus: Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 3, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz