2. Sonntag nach Ostern: Kurzpredigt zu 1. Petrus 2,25 20,19 – von Vikar Andreas Werder

=> gelesen und mit Musik untermalt finden Sie diese Kurzpredigt am 26. April (Link

Liebe Gemeinde

Der heutige Sonntag hat seinen Namen von den Anfangsworten des Psalms 89: Die Gnadentaten des HERRN (misericordias Domini) will ich ewig besingen. An Gottes Wohltaten zu glauben, fällt im Alltag oft schwer; viele Menschen haben Hemmungen, sich Jesus Christus anzuvertrauen. Auch ich bin manchmal gehemmt und befürchte, etwas zu verlieren. Soll ich es wirklich wagen, Gott in mein Leben hineinsprechen zu lassen?

Menschliche Schwachheiten liebevoll in den Blick zu nehmen, das war ein Markenzeichen von Mani Matter. Er sang:

Was unterscheidet d'mönsche vom schimpans
S'isch nid die glatti hut, dr fählend schwanz
Nid dass mir schlächter d'böim ufchöme, nei
Dass mir hemmige hei

Unsere Hemmungen beschämen uns. Mani Matter half uns, zu ihnen zu stehen. Wenn ich heute schaue, welche Serien mein Sohn mag, komme ich zum Schluss, dass wir es schätzen, wenn Kunst uns dabei hilft, einen positiven Umgang mit unseren Mängeln zu finden.

Der erste Petrusbrief vergleicht uns mit Schafen. Dies kann uns helfen, einen liebevollen Blick auf unsere menschlichen Schwachheiten zu werfen. Wenn wir Hemmungen haben, uns Gott anzuvertrauen, dann können wir uns Schafe vorstellen, die am Lernen sind, einem Hirten zu vertrauen.

Das Bundesamt für Veterinärwesen schreibt über das Wesen der Schafe: «Obwohl Schafe relativ anspruchslos sind, haben sie – wie alle Lebewesen – Bedürfnisse. Gerade weil sie diesen nur wenig Ausdruck verleihen, muss man Schafen gegenüber besonders achtsam sein. … Schafe zeichnen sich durch eine geringe Aggressivität aus und stehen oder liegen gerne nahe beieinander.»

Was für eine Aufgabe hat nun ein Hirt oder eine Hirtin? Er oder sie muss achtsam dafür sorgen, dass die Schafe stets Blickkontakt zueinander haben, muss sie im Frühling scheren und ihnen die Klauen schneiden, sie von Parasiten befreien, für frische Nahrung und zwei Mal pro Tag für frisches Wasser sorgen und sie vor wilden Tieren schützen.

Können Schafe nicht auch ohne Hirt oder Hirtin gut gedeihen? Das Bundesamt gibt zu bedenken: «Schafe, die ohne Aufsicht auf der Alp sind, fressen die für die Wildtiere wichtigen Weiden oft bis in grosse Höhen ab. Dies hat ihnen bei UmweltschützerInnen einen schlechten Ruf eingebracht. Ein Hirt oder eine Hirtin kann dem entgegenwirken. Wird die Schafherde rechtzeitig auf neue Weidegründe getrieben, bleibt die Pflanzenvielfalt auf den Weiden erhalten.»

Von einem guten Hirten hat man als Schaf nichts zu befürchten. Zwar kann es unangenehm sein, geschoren oder an den Klauen beschnitten zu werden, noch viel unangenehmer ist es aber, wenn diese Körperpflege ausbleibt. Zwar kann es frustrierend sein, von einer Weide weggetrieben zu werden, bevor sie auf den letzten Halm abgefressen ist, aber man richtet dadurch zweifellos weniger Schaden an.

Frustrierend ist es sicher auch für viele von uns, durch die Corona-Krise von angestammten Weiden des Sozial- und Berufslebens vertrieben zu werden. Seither gilt es, auf neuen Weiden das frische Gras zu entdecken – zum Beispiel die frische Luft in der blühenden Natur, das Vogelgezwitscher in der ungewohnten Ruhe, die Nachbarn und die Familie, die elektronischen Medien, die uns verbinden, das Gebet und das Wort Gottes, die uns auch in dieser Zeit nähren und pflegen.

Dabei können wir spüren, was der 1. Petrusbrief uns ermutigend zuspricht: Jesus Christus ist ein guter Hirte und Beschützer unserer Seelen. Er will uns so leiten, dass unsere Seele satt und zufrieden wird, wenn auch auf ungewohnten Weiden und durch uns unbekannte Kräuter. Er will uns helfen, Blickkontakt zueinander zu haben und die Nähe zu erleben, die wir brauchen.

Das macht uns Mut, uns trotz unserer Hemmungen dem guten Hirten anzuvertrauen. Auch im Leiden sorgt er für uns. Seine Zuwendung wollen wir ewig besingen.

Ich lade Sie ein, mitzubeten:

Herr Jesus Christus,
Du sorgst auch in dieser Zeit für mich,
für meine Nächsten und für alle Menschen.
Manchmal habe ich Hemmungen, mich dir anzuvertrauen.
Du wirst trotzdem nicht aufhören, für mich zu sorgen
und mir die Augen öffnen für deine Wohltaten.
Ich lobe dich dafür.

Amen