4. Sonntag nach Ostern, 10. Mai 2020 Kantate: Predigt zu 2. Chronik 5,2-14  

  • Audio-Datei: mit dem Wochenlied RG 53 und einer Bach-Arie finden Sie die Predigt hier (Link
  • PDF der Predigt und des Predigttextes (PDF)
  • Predigtlied RG 53 "Singet dem Herrn ein neues Lied" (als PDF und online)


Intermezzi: Nicht nur die Predigt lädt zur Begegnung mit einem Bibeltext ein. Seit heute finden sich in der Dorfkirche zwei Stationen mit Bezug auf den jeweiligen Sonntag im Kirchenjahr.
Diese Intermezzi gehören zur "Temporären Kapelle Dorfkirche" (Link

Liebe Gemeinde                           

 

Waren Sie in den letzten Wochen einmal in der Kirche? Nicht im Gottesdienst, ich weiss schon, Corona.      Nein, einfach in der Kirche: In der Dorfkirche oder in St. Ulrich oder sonstwo? Nicht wahr, der Gegensatz zum Predigttext ist geradezu brutal. Im Text die pompöse Einweihung des Tempels – und hier die leere Kirche.

 

Wobei: Wenn ich mit unserer Sigristin spreche, dann berichtet sie über viel Besuch in der Dorfkirche – mehr als sonst. Einige kommen vorbei wegen der temporären Kapelle. Andere suchen Ruhe oder Stille. Und immer wieder zünden Menschen eine Kerze an und stehen im Gebet für andere ein. Vielleicht ist die Kirche gar nicht so leer, wie wir meinen! 

 

Und doch, heute ist der Sonntag «Kantate»: Singt! Jubelt, stimmt ein ins fröhliche Gotteslob, das sich Bahn bricht und laut wird und uns verbindet miteinander und mit Gott!



Fast so wie bei Salomo. Es ist ja eine fantastische Geschichte, die uns da erzählt wird von der Einweihung des Tempels. Schon David hatte Gott ein Haus bauen wollen. Dieser aber hatte ihm gesagt: David, du hast zuviel Blut an den Händen. Nicht du sollst mir ein Haus bauen, sondern ich will dir ein Haus bauen. – Und einer aus deinem Haus, dein Sohn, soll mir dann ein Haus bauen, den Tempel. (1. Kön 8,19) Und so kommt es, dass eben Davids Sohn Salomo den Tempel errichten lässt, auf dem Zion, dem Gottesberg in Jerusalem. 

 

Die Idee des Tempels ist ja zunächst eine andere als die Idee einer Kirche: Der Tempel ist wirklich gedacht als Wohnung Gottes. So wie es die Israeliten schon viel früher in der Zeit ihrer Wüstenwanderung erfahren hatten: Dass Gott wohnt im Zelt der Begegnung. Dass er ihnen als sichtbares Zeichen vorausgeht, in einer Wolkensäule am Tag und in einer Feuersäule in der Nacht. So soll sich Gott auf dem Gottesberg niederlassen, dem Zion.

 

Und nun ist er also da, der Tag der Einweihung des Tempels. Die Israeliten versammeln sich, nicht nur die Ältesten, sondern das ganze Volk. Und dann verdichtet sich die Feier immer mehr und treibt auf den Höhepunkt zu: Die Zürcher Bibel zeichnet dabei den hebräischen Aufbau der Verse 11-13 sehr gekonnt nach. 

 

«Als aber die Priester ... Und als die Leviten ... Und als die Trompeter und Sänger ... Ja, als sie alle einsetzen ... Und als sie den Herrn – Jahwe – lobten mit den Worten ‘Ja, er ist gut und seine Güte währt ewig’ – da wurde das Haus von einer Wolke erfüllt, das Haus des Herrn!»

 

Mitten im Gotteslob ereignet sich das, was Kantate so speziell macht: Gott selber wohnt im Lob seines Volkes – und in unserer Geschichte geschieht das Wunder:  «Da wurde das Haus von einer Wolke erfüllt» – und nun ist es wirklich «Das Haus Jahwes

 

Was für ein faszinierender Moment, wenn Gott kommt ins menschliche Lob hinein, wenn Gott dieses Menschliche noch einmal verwandelt. Fast lakonisch heisst es dann im Schlusssatz: «Angesichts der Wolke d.h. dieser wunderbaren Gegenwart Gottes konnten die Priester den vorgesehenen Dienst gar nicht verrichten!» (Vers 14, frei übersetzt)

 

Liebe Gemeinde, ich habe diesen Predigttext mit einer Gruppe von Freunden besprochen. Einer hat gesagt: «Wenn Gott da ist, dann brauch es keine religiöse Betriebsamkeit». 

 

Ein anderer war von der Wolke angetan: «Es ist ja kein Nebel, der da herrscht, keine Vernebelung Gottes. Nein, es ist vielmehr eine Wolke, die das Geheimnis Gottes umhüllt». 

 

«Wisst ihr noch, früher», hat eine gemeint, «als wir im warmen Gras lagen und die Wolken am Himmel beobachtet haben. Da war plötzlich ein Hund zu sehen oder ein Krokodil und dann haben wir uns gegenseitig diese Wolkenbilder gezeigt und einiges gleich gesehen und anderes nicht. Könnte uns das nicht daran erinnern: Gott ist unfassbar, aber er verbreitet keinen trüben Nebel, sondern er ist erfahrbar auf eine besondere Weise: so, dass es scheint, als würde sich immer wieder seine Gestalt verändern. Und dass erst wenn wir unsere Erfahrungen teilen, ein neues, grösseres Bild von Gott entsteht. 

Und schliesslich hat eine gemeint: «Für mich ist nicht das grosse Fest im Zentrum des Textes – sondern der Vers 10: In der Lade war nichts ausser den zwei Tafeln, die Mose am Choreb, am Sinai, von Gott empfangen hatte – und durch die Gott mit den Israeliten einen Bund geschlossen hatte.» (frei übersetzt) 

 

Tatsächlich: Im Zentrum des Textes, dem ersten Blick verborgen, sind nicht Pomp und Getöse, nicht die menschliche, noch so gut gemeinte religiöse Betriebsamkeit: Im Zentrum ist: «nichts ausser zwei Tafeln, die den Bund von Gott mit seinen Menschen begründen

 

Ja, liebe Gemeinde, wir können im Moment nicht miteinander feiern. Viele von uns vermissen das schmerzlich. Wie David, der so gern Gott ein Haus gebaut hätte, sind wir zum Warten gezwungen.
 

Vergessen wir in dieser Situation nicht: Die Kirchen sind nicht leer. Es sind die Menschen, die auch in dieser Zeit Stille und Gebet suchen. Und es sind die abertausenden von Menschen, die wie eine «Wolke von Zeugen» (Hebr 12,1) in unsere Dorfkirche und in den anderen Kirchen von Veltheim schon Gottesdienst gefeiert haben. Ja, unsere Kirchen erzählen uns vom Gotteslob der Generationen.

 

Die Kirchen sind nicht leer, sie sind erfüllt vom Geheimnis Gottes und von seiner Gegenwart. «Nichts ausser den Tafeln» findet sich in der Bundeslade. Nichts als das Zeichen des Bundes von Gott mit den Menschen. Es ist das Geheimnis Gottes, dass Gott sich verbündet, auch mit uns. 

 

Jesus wird später den Bund des Mose mit den Israeliten aufnehmen und erweitern zum neuen Bund von Gott mit all seinen Menschen. Jesus, der «einer aus dem Haus Davids» (Mt 1,17ff), Jesus, der «Sohn Davids» (Mk 10,47), verwandelt den Tempel aus Stein in einen Tempel, der aus lebendigen Steinen gebaut ist (1. Petr 2,5). Nun werden nicht mehr Tiere geopfert, Jesus kann vielmehr sagen: «Mein Leib – für euch gebrochen – mein Blut – für euch vergossen». 

 

Deshalb, liebe Gemeinde, sind die Kirchen nicht leer: Denn die Kirche als Ganze ist viel mehr als das Gebäude, es sind die Menschen, die auch noch in diesen Zeiten des Getrenntseins geradezu einen Tempel bilden, in dem Gott wohnt. Und dieser Tempel sich erstreckt sich weit über Veltheim hinaus. Er umspannt letztlich die ganze Welt.

 

Die Kirchen sind nicht leer. Gott zeigt sich auf geheimnisvolle Weise gerade auch im Lob seiner Menschen: Kantate, singt – und erlebt, dass Gott selber gegenwärtig ist:

 

«Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten, und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige, und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder, gebt das Herz ihm wieder!» (RG 162,1 Gerhard Tersteegen)

 

Amen

 

 

Mit herzlichem Dank an alle Mitwirkenden: Kurt Schefer – Lektor. Matías Lanz – Orgel und Audio. Michael Mogl – Tenor. Filomena Felley – Violine. Stephanie Haensler – Violine. Alex Jellici Roelcke – Cello. Abendmahls-Gruppe – Predigtgespräch. Simon Bosshard – Predigt.